Der Autor:

Marcus Janßen,
Geschäftsführer, Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft Hamburg (BWV) e.V.

Eine Fixierung auf Akademikerquoten als alleinigen Gradmesser der Qualität von Bildung schafft die falschen Anreize.

Hauptaufgabe wird es auch weiterhin sein, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neben guten methodischen Fähigkeiten ein hohes fachliches Know-How mitzugeben, um gut informierte Kunden bestens beraten zu können.

Welche Berufe sind in Zukunft in der Finanzwelt gefragt? Wie verändern sich Arbeit und Ausbildung durch die Digitalisierung? Zu den Chancen und Herausforderungen beruflicher und akademischer Bildung.

 

Wie arbeite ich in Zukunft? Welchen Wert besitzt meine Arbeit zukünftig? Das sind nur zwei Fragen, die im Rahmen des Digitalcamps bei der ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ im Oktober 2016 jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gestellt wurden. Und eine weitere: Was muss ich lernen, um in der digitalen Arbeitswelt gute Berufschancen zu haben?

Digitalisierung
Fest steht, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern, vielleicht sogar revolutionieren wird. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte im Januar 2016 mit „Roboter, übernehmen Sie!“. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Job des Versicherungskaufmanns in 20 Jahren von einem Computer ersetzt werde, liege bei 21 Prozent. Beim Versicherungsvertreter wurden 92 Prozent, beim Bankangestellten sogar 97 Prozent angegeben. Quelle ist eine Studie der Universität Oxford. Natürlich lässt sich über die Zahlen trefflich streiten, unumstritten ist jedoch, dass sich die Anforderungen an die Menschen verändern, die in Zukunft arbeiten werden. Die Aufgabe der beruflichen Bildung wird jedoch die gleiche bleiben: (junge) Menschen bestmöglich auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Um festzustellen, was genau die Aufgaben der Zukunft sind, bedarf es Weitsicht. Man muss sich Veränderungen stellen und vor diesem Hintergrund die Berufsbilder mutig weiterentwickeln. Dazu muss die gute Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Kammern und staatlichen sowie privatwirtschaftlichen Bildungsanbietern erhalten und gepflegt werden. Auch in der Zukunft werden Menschen am liebsten Menschen vertrauen. Das ist eine wichtige Voraussetzung beispielsweise beim Vertrieb von erklärungsbedürftigen Finanzprodukten.

Hauptaufgabe wird es also auch weiterhin sein, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neben guten methodischen Fähigkeiten ein hohes fachliches Know-how mitzugeben, um gut informierte Kunden bestens beraten zu können. Auf den Mehrwert dieser fachlichen Kompetenz wird es immer mehr ankommen – und das ist gut so. Dazu brauchen wir mehr Bildung, nicht weniger! Dabei können sich die Anbieter von Bildung der Digitalisierung nicht entziehen: Blended Learning, Webinare, Lernvideos und webbasierte Trainings sind in der Bildungslandschaft längst keine Fremdwörter mehr. Und doch werden sie das Lernen und den Austausch von Mensch zu Mensch nicht ersetzen.

Akademisierung
Der Bologna-Prozess, der mit einer bildungspolitisch programmatischen Erklärung 1999 begann, hat zahlreiche Bachelor- und Masterstudiengänge hervorgebracht, die zunehmend populär wurden. Besonders hierzulande traten sie in Konkurrenz zu einer deutschen Errungenschaft: der dualen Ausbildung. Bei dieser übernehmen Staat und Wirtschaft gemeinsam die Verantwortung, „die Kids bereit für den Job“ zu machen, wie US-Präsident Barack Obama es 2013 formulierte. Er pries diesen bildungspolitischen Sonderweg als Exportschlager „made in Germany“ im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Ein Blick in international vergleichende Arbeitsmarktstatistiken scheint ihm recht zu geben: Die berufliche Bildung ist ein Garant für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Doch immer mehr Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsstellen zu besetzen. Das liegt zum einen an demografischen Veränderungen, zum anderen an einem Imageproblem der beruflichen Bildung verglichen mit der akademischen.

Im Zuge der – sicherlich ungewollten – politischen und gesellschaftlichen Diskreditierung von praktischer Ausbildung und eines Akademisierungswahns studieren immer mehr junge Menschen. Und einige, immer mehr, scheitern. Die Forderung der OECD, in Deutschland die im internationalen Vergleich geringe Akademikerdichte zu schließen, verkennt eine wichtige Tatsache: In Deutschland deckt die duale Ausbildung Berufe ab, die anderswo einen akademischen Abschluss verlangen. Dazu trägt auch die hoch entwickelte beruflichen Weiterbildung bei, die unter anderem die öffentlichen Abschlüsse als Meister oder Fachwirt ermöglicht.

Die alleinige Fixierung auf Akademikerquoten als Gradmesser der Qualität von Bildung ist der falsche Weg. Sie schafft die falschen Anreize! Die Finanzbranche ist gut beraten, wenn sie sich klar zur beruflichen Bildung bekennt. Denn damit erhöht sie auch die Bindung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Unternehmen. Natürlich brauchen die Unternehmen auch das Know-how akademisch ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und können selbstverständlich nicht ignorieren, dass viele Berufseinsteiger nach akademischen Abschlüssen verlangen. Daher müssen strukturelle Übergangsmöglichkeiten zwischen beruflicher und akademischer Bildung geschaffen werden mit gegenseitiger Anerkennung von Vorleistungen, auf Augenhöhe. Die Gefahr, ein Studium vorzeitig abbrechen zu müssen, lässt sich verringern. Ebenso die Angst, am Ende das Falsche studiert zu haben, für das man eben nicht brennt oder das der Arbeitsmarkt doch nicht in erwartetem Umfang nachfragt. Eine Lösung könnte es sein, Fachwirt- mit Bachelorstudiengängen zu verzahnen. Dies wäre ein Gewinn für alle!

 

Der Text ist dem Jahrbuch 2016/17 des Finanzplatz Hamburg e.V. entnommen.

 

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